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Knackige Waden und spritziger Wein – so geht sächsisch

„Das isser, der Goldriesling. Schmeckt nach kräftiger Birne und Banane, hintenraus ä bissl labbsch oder wie Oma sagte – das is‘ dor Bowle-Wein“. Wir lachen über Anja Fritz‘ Beschreibung ihres Wein-Bestsellers. Sie, die Steillagenwinzerin, ehemalige Weinprinzessin, Weltreisende und Quereinsteigerin. Und wir: sieben Bloggermädels aus ganz Deutschland auf gemeinsamer Erkundungsreise der sächsischen Weinstraße, die 2017 ihr 25jähriges Jubiläum feiert.

Wein – nicht gerade das Erste was einem einfällt, wenn man an Sachsen denkt, norr? Sächsischen Wein findet man auch vergeblich in den ach-so-gut-sortierten Regalen hiesiger (und riesiger) Supermärkte. Hier kann man sich einmal um die Welt trinken, nicht aber durch sächsische Tropfen. Es könnte daran liegen, dass spanischer Wein auf 450.000 Hektar Rebfläche angebaut wird. Sächsischer hingegen auf „schnuckeligen“ 450 Hektar.

Blick auf das Weingut Mariaberg in Meißen

Echte Rockstars, die Steillagenwinzer

Die sächsischen Weinanbaugebiete zählen zu den kleinsten in Deutschland. Die Bedingungen für Rebsorten wie Müller-Thurgau, Weißburgunder, Riesling, Traminer und Dornfelder im Dresdner Elbtal könnten jedoch kaum besser sein. Denn das Sonnenlicht wird von der Elbe reflektiert und die Reben am Steilhang genießen ein mildes, fast schon mediterranes Klima bei über 1600 Sonnenstunden pro Jahr. Da möchte man glattweg eine Traube sein! Aber der Weinbau am Hang hat es in sich. Schweres Gerät taugt hier nichts. Und die Nächte im Frühjahr können so kalt werden, dass man als Winzer 2 Uhr nachts fluchtartig das Bett verlassen muss, um Scheiterhaufen in den Weinbergen zu entzünden. Denn die Reben, die drei Jahre benötigen um voll im Ertrag zu stehen, vertragen keinen Frost. Und die schönste Zeit im Jahr – die Weinlese – gleicht einer körperlichen und logistischen Herausforderung – mit stetigem bergauf und -absteigen – samt 25 Kilo Trauben auf dem Rücken.

Der sächsische Wein hatte es in seiner 850-jährigen Geschichte nie leicht. Die Rebflächen im 17. Jahrhundert waren zehn-Mal größer als heute. Dass Bier und die damaligen neuen Lustgetränke wie Tee, Kaffee und Schokolade dem Wein auf Grund seiner Anbaubedingungen schnell den Rang abliefen, ist daher wenig überraschend. Außerdem kämpften Winzer gegen einen Pilz, der sich auf den Reben ausbreitete: Mehltau. Erste Mehltau-resistente Reben aus Amerika schürten zwar Hoffnung, doch unglücklicherweise importierte man mit den Schiffsladungen die Reblaus gleich mit, die die Wurzeln der hiesigen Weinstöcke angriffen und vertrocknen ließen. Zwei Drittel der europäischen Weinstöcke gingen zugrunde. Die sächsischen Rebflächen sanken auf 150 Hektar, nach dem zweiten Weltkrieg auf (kaum noch erwähnenswerte) 60 Hektar.

Auch heute noch kämpft man in den Weinbergen gegen natürliche Feinde wie Mehltau und Reblaus, aber auch gegen flauschige „Freunde“ wie Waschbär, Fuchs, Maus und Eichhörnchen (und weniger flauschige wie Stare, Ringelnatter, Blindschleiche und Feuersalamander). Ich bin beeindruckt von so viel Durchhaltevermögen der hier arbeitenden und lebenden Winzer, für die Aufgeben keine Option zu sein scheint und die den sächsischen Weinbau mit ihrem Herzblut wiederbeleben.

saechsischerebe

Was macht das Schwein im Wein?

Unweit von Anja Fritz‘ Mariaberg treffen wir Katharina und Matthias Schuh auf ihrem Weingut, das sie 2016 von ihrem Vater übernahmen. Die Winzerkinder schmeißen gemeinsam mit ihrem kleinen Team die zwei riesigen Gehöfte samt Vinothek. Naturnah produzieren, ohne Herbizide und übrigens auch ohne Gelatine! Denn die Schuhs setzen (wie immer mehr Winzer) auf Erbsenprotein, anstatt die aus Schweineschwarten und Tierknochen gewonnene Gelatine zur Klärung des Weines zu verwenden. Auch für die Flaschenetiketts haben sich die Beiden etwas Anderes einfallen lassen: so zieren verschiedene Schuhe oder minimalistisch gestaltete Etiketten in Anlehnung an das Periodensystem der Elemente ihre Weine.

Schloß Wackerbarth – das erste Erlebnisweingut Europas

Vom kleinen, familiären Weingut geht es prunkvoll und prickelnd mit einem Glas Sekt in die Radebeuler Weinberge – zum sächsischen Staatsweingut Schloß Wackerbarth und seiner riesigen Anlage. Auf 104 Hektar werden hier helle und dunkle Trauben für edle Weiß-, Rotweine und Sekte angebaut. Dazwischen genug Platz zum Flanieren und Kaffee trinken. Vom Balkon des Schlosses winken wir noch mal königlich (und leicht beschwipst) hinunter und genießen den herrlichen Ausblick auf die in gelb-orange getauchten Steilhänge. An diesem Wochenende habe ich öfter das Gefühl in der Toskana zu stehen anstatt nur einhundert Kilometer weit von zuhause weg zu sein.

schloss wackerbarth

schlosswacker barth

Mit der ehemaligen Weinkönigin Katharina Lai, der „Elbweinkate“, tuckern wir in ihrem Oldtimer-Bus entlang der sächsischen Weinstraße zwischen Pirna und Dießbar- Seußlitz und lassen unsere Reise in ihrer neu eröffneten Weinbar „WeinReich“ – einem ehemaligen, umgebauten Pferdestall – ausklingen. Für mich gehört Wein zu einem guten Essen dazu, auch wenn es für Laien – angesichts der riesigen Auswahl – schwierig ist, einen geeigneten zu finden. Noch schwieriger ist es, wie ich finde, für Vegetarier und Veganer. Denn auf der Rückseite der Weinflaschen findet sich nur in seltenen Fällen eine Empfehlung zu passenden Gemüsegerichten. Wer dieses Problem kennt, dem sei das großartige Buch Wein & Gemüse: Wein-Food-Pairing für Gemüsefans* empfohlen!

An diesem Wochenende im Oktober trank ich mich durch so viel Wein wie in den letzten zehn Jahren nicht. Ist es nicht irre, dass man sich dem regionalen Angebot mit seiner Vielfalt, Schönheit und Geschichte viel zu selten bewusst ist? Obwohl es für mich nur ein Katzensprung von der Leipziger Tieflandsbucht bis nach Meißen ist, war ich tatsächlich vorher noch nie hier. Hier, wo man die Leidenschaft von jungen Menschen, die für ihren Wein brennen, förmlich spürt und von ihr angesteckt wird. Hier, wo man sieht, wie aus der süßen Traube ein edler Tropfen wird. Wo man sich bewusst wird, welche Arbeit und welcher Wert darin doch stecken. Hier, wo ein Winzer fair entlohnt wird und keine 18 Cent (!) an einem Kilo Trauben verdient.

Im Halbkreis stehen wir Mädels auf dem Weinberg und lassen unsere Blicke über den Rand unserer Weingläser gleiten. Das Elbtal liegt uns an diesem goldenen Herbsttag in seiner ganzen Schönheit zu Füßen. Ein Ort zum Direktverlieben. Bedächtig probiere ich einen Schluck und behalte ihn für einige Sekunden im Mund, um den zuvor von Anja beschriebenen Geschmack zu finden. Und schlucke.

So schmeckt Mut.

Leidenschaft.

Und Heimat.

 


Herzlichen Dank an so geht sächsisch für diese unvergessliche Reise! Ein großes Dankeschön auch an Anja, Tine, Birgit, Mel, Annette und Petra für die großartige, inspirierende und lustige Zeit. „Man findet keine Freunde mit Salat. Man braucht auch Wein …“ 😉 

 

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2 Kommentare

  • antworten
    Teilzeitvegetarier
    29. November 2017 um 21:23

    Hi Ms. Minzgrün 🙂

    das ist wieder ein genialer Beitrag. Nach dem Lesen habe ich direkt Lust bekomme auch mal nach Meißen zu fahren 😉 Das steht jetzt auf meiner ToDo-Liste für 2018 😀

    Weiter so! Ich freue mich schon auf deine nächsten Beiträge und Reiseberichte 😉

  • antworten
    Anja
    11. Dezember 2017 um 13:15

    Liebe Aileen,
    ich machs kurz: geile Bilder, cooler Text. ;-))

    GLG Anja

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